Hochbegabung oder ADHS

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Vielleicht stehst du gerade vor einem Kind, das dich immer wieder überrascht. An einem Tag stellt es Fragen, die kaum ein Erwachsener beantworten kann, am nächsten Tag verliert es mitten in einer Aufgabe den Faden oder wirkt plötzlich überfordert. Du siehst sein Potenzial, aber du siehst auch seine Unruhe. Genau diese Mischung bringt viele Eltern dazu, sich zu fragen, was im Inneren ihres Kindes wirklich passiert.

Die Unsicherheit entsteht oft dann, wenn dein Kind in Bereichen glänzt, die weit über seinem Alter liegen, aber gleichzeitig Schwierigkeiten zeigt, die du nicht einordnen kannst. Menschen von außen sehen vielleicht nur die Unruhe oder die fehlende Konzentration. Du siehst die schnellen Gedanken, die intensiven Gefühle und diesen inneren Druck, der dein Kind manchmal ausbremst. Irgendwann taucht dann die Frage auf, die viele Eltern beschäftigt und die im Raum stehen bleibt: Hochbegabung oder ADHS und wie erkenne ich den Unterschied.

In diesem Artikel bekommst du

✅ einen klaren Überblick über typische Gemeinsamkeiten

✅ die wichtigsten Unterschiede, die dir im Alltag wirklich helfen

✅ Hinweise darauf, warum manche Kinder Merkmale von beidem zeigen

✅ und Leitfragen, die dir helfen, dein Kind besser zu verstehen

Warum Hochbegabung und ADHS so oft verwechselt werden

Vielleicht erlebst du bei deinem Kind Momente, in denen es gleichzeitig beeindruckend schnell denkt und dennoch kaum bei einer Sache bleiben kann. Diese Mischung lässt viele Eltern an Hochbegabung oder ADHS denken, weil sich beide Bereiche an der Oberfläche ähneln.

Kinder mit hoher Begabung wirken oft unruhig, wenn sie unterfordert sind, während Kinder mit ADHS Schwierigkeiten haben, ihre Aufmerksamkeit zu steuern. Von außen sieht beides ähnlich aus und wird deshalb häufig verwechselt.

Genau dieses Phänomen wird auch in der Fachliteratur beschrieben, unter anderem in den Leitlinien zur Diagnostik von ADHS bei Kindern und Jugendlichen der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften. Die Leitlinie erklärt, dass eine genaue Abklärung notwendig ist, weil Aufmerksamkeitsprobleme viele Ursachen haben können.

Ein weiterer Grund für Verwechslungen liegt darin, dass hochbegabte Kinder mentale Herausforderungen suchen. Wenn Aufgaben zu einfach sind, schalten sie ab, träumen vor sich hin oder beginnen zu stören. Dieses Verhalten wird schnell als Symptom einer Aufmerksamkeitsstörung interpretiert.

Die Karg Stiftung weist seit Jahren darauf hin, dass Unterforderung bei begabten Kindern zu Verhaltensweisen führt, die leicht in Richtung ADHS gedeutet werden, wenn der Kontext fehlt. In einem Beitrag zur Begabungspsychologie beschreibt die Stiftung, dass besonders leistungsstarke Kinder in klassischen Unterrichtssituationen häufig unruhig oder impulsiv wirken.

Auch die Art und Weise, wie Kinder Wissen aufnehmen, kann zu Missverständnissen führen. Hochbegabte Kinder springen gedanklich schnell, stellen überraschende Verbindungen her und schweifen ab, weil ihre Gedanken deutlich weiter sind als die Aufgaben im Unterricht. Bei ADHS hingegen liegt der Grund im neurobiologischen Bereich, was in der Differenzialdiagnostik als zentraler Unterschied gilt. Eine ausführliche Übersicht zu diesen typischen Differenzierungsmerkmalen beschreibt die Deutsche Gesellschaft für Kinder und Jugendpsychiatrie in ihrem ADHS-Kompendium.

Diese Verwechslungen führen dazu, dass Eltern oft das Gefühl haben, zwischen zwei Bildern festzustecken. Deshalb ist es so wichtig, die Hintergründe beider Bereiche zu verstehen und genauer hinzuschauen, bevor eine Entscheidung getroffen wird. Im nächsten Abschnitt zeige ich dir, welche Unterschiede besonders deutlich sind und dir im Alltag helfen, dein Kind besser einzuordnen.

Die wichtigsten Unterschiede auf einen Blick

Wenn du im Alltag immer wieder beobachtest, dass dein Kind schnell denkt und gleichzeitig schwer bei der Sache bleibt, fragst du dich vielleicht, ob es eher hochbegabt ist oder ob eine Aufmerksamkeitsstörung dahintersteckt. Die Frage Hochbegabung oder ADHS lässt sich nicht an einem einzigen Merkmal festmachen. Es geht immer darum, das Gesamtbild zu betrachten und zu verstehen, warum dein Kind sich so verhält, wie es sich verhält.

Ein zentraler Unterschied liegt in der inneren Motivation. Hochbegabte Kinder können sich sehr gut konzentrieren, wenn sie etwas wirklich interessiert. Sie tauchen tief ein, vergessen die Zeit und bleiben lange bei einer Sache, wenn sie eine geistige Herausforderung spüren. Bei ADHS ist die Konzentration insgesamt instabiler. Dein Kind kann sich zwar auch stark fokussieren, etwa bei Lieblingsspielen oder digitalen Medien, aber diese Phasen wechseln sich mit vielen Momenten ab, in denen es schwer ist, bei Alltagsaufgaben, Schularbeiten oder Routinetätigkeiten konzentriert zu bleiben.

Auch die Art der Unruhe unterscheidet sich. Hochbegabte Kinder wirken unruhig, wenn sie geistig unterfordert sind. Sie rutschen auf dem Stuhl hin und her, reden dazwischen oder wirken genervt, weil sie die Aufgabe längst verstanden haben und auf die anderen warten müssen. Bei ADHS ist Unruhe oft ein Grundmechanismus des Nervensystems. Dein Kind steht auf, läuft herum, spielt mit Gegenständen oder spricht impulsiv, auch dann, wenn eine Aufgabe eigentlich interessant ist. Die Bewegung ist dann eher eine ständige Begleitmusik, keine Reaktion auf Langeweile.

Ein weiterer wichtiger Bereich ist die Art, wie dein Kind denkt. Hochbegabte Kinder denken in komplexen Zusammenhängen. Sie springen gedanklich voraus, stellen Querbezüge her und überholen manchmal das Gespräch, weil sie längst bei Schritt drei sind, während andere noch bei Schritt eins stehen. Kinder mit ADHS denken oft in vielen parallelen Bahnen. Sie haben viele Ideen gleichzeitig, verlieren den Faden, fangen etwas Neues an, während das Alte noch nicht abgeschlossen ist, und haben Mühe, ihre Gedanken zu sortieren. Beides kann chaotisch wirken, aber aus unterschiedlichen Gründen.

Auch das Arbeitsverhalten in der Schule zeigt Unterschiede. Hochbegabte Kinder lösen Aufgaben schnell und machen manchmal Flüchtigkeitsfehler, weil sie unterfordert sind oder gedanklich schon bei der nächsten Frage sind. Bei ADHS treten Fehler auf, weil die Aufmerksamkeit abbricht, Anweisungen nicht vollständig aufgenommen werden oder die innere Struktur fehlt, um die Aufgabe von Anfang bis Ende sauber durchzuführen. Hochbegabung zeigt sich eher in tiefem Verständnis, ADHS eher in Schwierigkeiten, dieses Verständnis konstant in Leistung umzusetzen.

In der emotionalen Ebene gibt es ebenfalls klare Unterschiede. Hochbegabte Kinder reagieren häufig intensiv, wenn sie Ungerechtigkeit erleben, sich missverstanden fühlen oder ihre Bedürfnisse nach geistiger Anregung dauerhaft ignoriert werden. Kinder mit ADHS zeigen starke Gefühlsreaktionen, wenn sie überfordert sind, sich selbst nicht steuern können oder immer wieder Kritik für etwas erhalten, das ihnen schwerfällt. Die Emotionen sehen ähnlich aus, doch der Auslöser ist ein anderer.

Wenn du diese Punkte im Kopf behältst, bekommst du ein klareres Gefühl dafür, wo dein Kind steht. Beide Profile können nebeneinander existieren und sich gegenseitig verstärken. Umso wichtiger ist es, im nächsten Schritt genauer hinzuschauen, wie sich Hochbegabung im Alltag zeigt und was wirklich dafür spricht.

Wie sich Hochbegabung im Alltag zeigt

Wenn du dein Kind beobachtest, erkennst du vielleicht Momente, in denen es gedanklich viel weiter ist als Gleichaltrige. Hochbegabte Kinder zeigen im Alltag häufig ein tiefes Interesse an bestimmten Themen, stellen ungewöhnliche Fragen und entwickeln überraschende Lösungswege. Dieses Verhalten ist nicht einfach nur kluges Denken, sondern Ausdruck einer besonderen geistigen Verarbeitung. Viele Eltern beschreiben, dass ihr Kind Wissen nicht nur aufnimmt, sondern sofort verknüpft und weiterdenkt. Solche Kinder brauchen geistige Herausforderung, damit sie ihr Potenzial zeigen können.

Wenn diese Herausforderung fehlt, wirkt ein hochbegabtes Kind manchmal unkonzentriert oder unruhig. Es verliert sich in Gedanken, spielt gedanklich eigene Szenarien durch oder wirkt gelangweilt, obwohl es die Aufgabe längst verstanden hat. Außenstehende sehen dann oft nur das Verhalten, nicht den Grund dahinter. In dieser Situation entsteht schnell die Frage Hochbegabung oder ADHS, weil die Verhaltensweisen ähnlich wirken können. Dein Kind verhält sich jedoch nicht impulsiv, sondern sucht geistige Anregung.

Ein weiteres Kennzeichen ist die Tiefe, mit der hochbegabte Kinder denken. Sie erfassen Zusammenhänge schnell und können Abläufe intuitiv verstehen, ohne dass du sie ausführlich erklären musst. Diese Fähigkeit zeigt sich oft in Gesprächen, in denen dein Kind über Themen spricht, die für sein Alter ungewöhnlich komplex sind. Manche Kinder analysieren soziale Situationen, stellen moralische Fragen oder machen sich Gedanken, die eher von älteren Kindern oder Erwachsenen erwartet werden.

Viele hochbegabte Kinder zeigen außerdem eine besondere Sensibilität. Sie reagieren stark auf Ungerechtigkeit, unauthentisches Verhalten oder fehlende logische Strukturen. Diese Sensibilität wird leicht mit der emotionalen Impulsivität von ADHS verwechselt, obwohl die Ursachen verschieden sind. Während ADHS durch Schwierigkeiten in der Reizregulation entsteht, reagieren hochbegabte Kinder intensiver, weil sie Dinge schneller durchdringen und emotional tiefer verarbeiten.

Besonders wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass sich Hochbegabung sehr unterschiedlich äußern kann. Es gibt Kinder, die klar erkennbar weit voraus sind, und andere, deren Begabung durch Unsicherheit, Perfektionismus oder schulische Unterforderung verdeckt wird. Diese verdeckte Form tritt besonders häufig bei Kindern auf, die gleichzeitig Merkmale von ADHS zeigen. Solche Kinder gehören oft zur Gruppe der zweifach außergewöhnlichen Kinder, also der 2e-Kinder. Sie haben eine hohe Begabung und gleichzeitig besondere Herausforderungen, wodurch sie im Alltag manchmal schwer einzuordnen sind.

Im nächsten Abschnitt schauen wir uns deshalb an, wie sich ADHS im Alltag zeigt und warum dieser Vergleich so wichtig ist, um die Besonderheiten von 2e-Kindern zu verstehen.

Wie sich ADHS im Alltag zeigt

Vielleicht erlebst du bei deinem Kind Situationen, in denen es impulsiv reagiert, schnell die Geduld verliert oder Mühe hat, Aufgaben zu beginnen oder zu Ende zu bringen. Diese Verhaltensweisen gehören zu den typischen Merkmalen von ADHS und unterscheiden sich grundlegend von dem, was du bei einer reinen Hochbegabung beobachten würdest. Kinder mit ADHS haben Schwierigkeiten, ihre Aufmerksamkeit zu steuern, und geraten schneller unter Stress, wenn mehrere Reize gleichzeitig auf sie einwirken. In diesen Momenten wirkt der Alltag hektisch und anstrengend, sowohl für dein Kind als auch für dich.

Während hochbegabte Kinder sich hervorragend konzentrieren können, wenn sie innerlich gefordert sind, erleben Kinder mit ADHS häufig das Gegenteil. Auch interessante Themen können schwer zu halten sein, besonders wenn äußere Reize im Raum sind. Dein Kind beginnt vielleicht gleichzeitig zu reden, zu spielen und nachzudenken, was für andere chaotisch wirkt, für es selbst aber ein Ausdruck seiner inneren Unruhe ist. Diese Form der Unruhe ist unabhängig von der Schwierigkeit der Aufgabe und kann in nahezu allen Alltagssituationen auftreten.

Auch die emotionale Regulation unterscheidet sich. Ein Kind mit ADHS gerät schneller in starke Gefühlslagen, weil es Reize weniger gut filtern kann. Es reagiert heftig, wenn etwas nicht klappt, wenn es Kritik hört oder wenn eine Aufgabe zu lange dauert. Für Eltern fühlt sich das oft an wie ein ständiges Auf und Ab und führt immer wieder zu der Frage Hochbegabung oder ADHS, weil manche Reaktionen ähnlich wirken können. Der entscheidende Unterschied liegt darin, dass ADHS nicht aus geistiger Unterforderung entsteht, sondern aus Schwierigkeiten in der Reiz- und Impulskontrolle.

Wichtig ist, dass ADHS und Hochbegabung sich nicht gegenseitig ausschließen. Es gibt viele Kinder, die beides in sich tragen. Ein Kind kann gleichzeitig ein hohes geistiges Potenzial haben und dennoch Probleme mit Aufmerksamkeit, Impulskontrolle oder exekutiven Funktionen zeigen. Wenn diese Kombination vorliegt, spricht man von einem zweifach außergewöhnlichen Kind, einem 2e-Kind. Genau diese Mischung führt oft dazu, dass das Kind im Alltag schwer einzuordnen ist, weil es in manchen Bereichen weit voraus und in anderen deutlich herausgefordert ist.

Im nächsten Abschnitt schauen wir uns an, warum Verwechslungen zwischen Hochbegabung und ADHS so schnell entstehen und welche Missverständnisse besonders häufig auftreten.

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„Anders Normal“ ist der erste deutschsprachige Praxisleitfaden für Eltern von zweifach besonderen Kindern – Kindern, die gleichzeitig hochbegabt und neurodivergent sind, etwa mit ADHS, Autismus oder einer Lernstörung.

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„Anders Normal“ ist kein theoretisches Fachbuch, sondern eine liebevolle Orientierungshilfe für Eltern, die endlich verstehen wollen, warum ihr außergewöhnliches Kind nicht in gewöhnliche Schubladen passt.

 

Typische Missverständnisse, die zu falschen Einschätzungen führen

Viele Eltern erleben im Alltag Situationen, in denen das Verhalten ihres Kindes schwer einzuordnen ist. Manche Verhaltensweisen wirken wie klare Hinweise auf ADHS, können aber genauso gut durch eine Hochbegabung entstehen. Genau solche Überschneidungen sind der Grund, warum die Frage Hochbegabung oder ADHS so häufig gestellt wird. Wenn nicht genau hingeschaut wird, entstehen schnell Missverständnisse, die das Bild des Kindes verzerren.

Ein häufiges Missverständnis betrifft die Aufmerksamkeit. Ein hochbegabtes Kind ist nicht generell unkonzentriert, sondern wird es vor allem dann, wenn Aufgaben zu leicht, zu repetitiv oder zu wenig strukturiert sind. Das Kind schaltet innerlich ab, weil es keine Herausforderung findet. Bei ADHS ist die Aufmerksamkeit dagegen grundsätzlich instabil, und dein Kind hat auch bei interessanten Themen Mühe, den Fokus zu halten. Von außen sehen beide Kinder abgelenkt aus, doch die Ursache könnte nicht unterschiedlicher sein.

Auch bei der Impulsivität gibt es große Unterschiede, die leicht übersehen werden. Hochbegabte Kinder reagieren impulsiv, wenn sie zu schnell denken oder wenn sie frustriert sind, weil andere ihnen nicht folgen können. Kinder mit ADHS reagieren impulsiv, weil ihr inneres Steuerungssystem überlastet ist. Die Handlungen wirken ähnlich, die Hintergründe sind es nicht. Für Außenstehende ist diese Unterscheidung jedoch kaum sichtbar.

Ein weiteres Missverständnis entsteht bei motorischer Unruhe. Hochbegabte Kinder zeigen Unruhe, wenn sie geistig unterfordert sind oder wenn sie zu lange warten müssen, bis etwas Interessantes passiert. Kinder mit ADHS sind unruhig, egal ob die Aufgabe spannend oder langweilig ist. Die Unruhe gehört zu ihrem inneren Zustand und nicht zu ihrem Leistungsniveau. Auch hier sehen beide Verhaltensweisen oberflächlich gleich aus, obwohl sie aus völlig unterschiedlichen Gründen entstehen.

Hinzu kommt, dass viele dieser Verhaltensweisen bei 2e-Kindern gleichzeitig auftreten können. Ein Kind kann hochbegabt sein und trotzdem Schwierigkeiten mit der Aufmerksamkeit oder der Impulskontrolle haben. Dadurch entstehen Bilder, die für Fachleute schwer zuzuordnen sind, besonders wenn sie nicht erfahren sind im Umgang mit komplexen Profilen. Diese Missverständnisse gehören zu den häufigsten Ursachen dafür, dass Eltern später das Gefühl bekommen, dass die Einschätzung ihres Kindes nicht vollständig oder nicht passend war.

Im nächsten Abschnitt schauen wir uns an, wie du als Elternteil die Besonderheiten deines Kindes besser erkennen kannst und welche Leitfragen dir helfen, die verschiedenen Merkmale zu unterscheiden.

Wichtige Leitfragen für Eltern, die Klarheit bringen

Wenn du dein Kind im Alltag beobachtest, wirst du schnell merken, dass viele Situationen deutlich mehr aussagen, als einzelne Tests oder kurze Gespräche je zeigen könnten. Um besser einschätzen zu können, ob du eher in Richtung Hochbegabung oder ADHS schauen solltest, helfen dir bestimmte Leitfragen, die typische Muster sichtbar machen. Sie unterstützen dich dabei, die Hintergründe hinter dem Verhalten zu verstehen und zu erkennen, ob dein Kind vor allem geistige Herausforderung sucht, Schwierigkeiten mit der Aufmerksamkeit hat oder möglicherweise beides gleichzeitig zeigt.

Eine wichtige Frage betrifft die Motivation deines Kindes. Beobachte, ob es sich lange und intensiv mit Themen beschäftigt, die es wirklich interessieren. Ein hochbegabtes Kind kann über Stunden in komplexe Inhalte eintauchen, wenn es innerlich gefordert ist. Ein Kind mit ADHS verliert auch bei spannenden Themen schnell den Fokus, weil äußere oder innere Reize die Aufmerksamkeit unterbrechen. Wenn dein Kind beides zeigt, zum Beispiel tiefes Denken und gleichzeitig häufige Konzentrationsabbrüche, kann das ein Hinweis auf ein 2e-Profil sein.

Auch die Reaktion auf schulische Aufgaben sagt viel aus. Wirkt dein Kind unruhig oder gelangweilt, wenn die Aufgaben zu leicht sind, oder verliert es die Struktur, sobald mehrere Schritte nötig sind Es gibt Kinder, die Probleme bekommen, sobald Aufgaben zu simpel oder zu langwierig sind, weil ihnen der geistige Anspruch fehlt. Andere Kinder geraten in Schwierigkeiten, sobald komplexe Planung gefragt ist, selbst wenn sie die Inhalte verstehen. Wenn beides zutrifft, solltest du genauer hinschauen, denn dann kann es sein, dass sowohl Begabung als auch ADHS eine Rolle spielen.

Eine weitere Leitfrage betrifft die emotionale Reaktion deines Kindes. Hochbegabte Kinder reagieren intensiv, wenn sie Ungerechtigkeit spüren, sich unverstanden fühlen oder wenn sie intellektuell ausgebremst werden. Kinder mit ADHS reagieren emotional, wenn sie überfordert sind, wenn ihre Impulskontrolle an Grenzen kommt oder wenn sie immer wieder Kritik erhalten. Wenn dein Kind sowohl starke Gefühle bei Unterforderung zeigt als auch impulsiv reagiert, wenn eine Aufgabe nicht gelingt, kann das ein Hinweis auf ein zweifach außergewöhnliches Profil sein.

Auch der Umgang mit sozialen Situationen bietet wichtige Hinweise. Manche hochbegabte Kinder ziehen sich zurück, weil sie in ihrer Altersgruppe keine passenden Gesprächspartner finden. Kinder mit ADHS geraten eher deshalb in Schwierigkeiten, weil sie Impulse schlecht steuern können oder Gesprächssituationen schwer einordnen. Wenn dein Kind sowohl tiefgehende Gespräche sucht als auch immer wieder soziale Konflikte erlebt, kann das auf eine Kombination beider Bereiche hinweisen.

Diese Leitfragen helfen dir dabei, ein stimmigeres Bild zu entwickeln. Im nächsten Abschnitt erfährst du, was eine gute Diagnostik leisten muss, damit die Besonderheiten deines Kindes richtig erkannt werden und du am Ende keine widersprüchlichen Antworten bekommst.

Was eine gute Diagnostik leisten muss

Damit du eine klare Antwort auf die Frage bekommst, ob es bei deinem Kind um Hochbegabung oder ADHS geht, braucht es eine Diagnostik, die mehr sieht als einzelne Verhaltensweisen. Viele Kinder zeigen im Alltag eine Mischung aus schnellen Gedanken, intensiven Reaktionen und Schwierigkeiten mit der Aufmerksamkeit. Eine gute Diagnostik berücksichtigt diese Vielfalt und bezieht alle Lebensbereiche deines Kindes ein. Sie betrachtet nicht nur Testwerte, sondern auch Verhalten im Alltag, emotionale Besonderheiten und die Frage, ob Unterforderung oder Überforderung eine Rolle spielen.

Eine fundierte Diagnostik nimmt sich Zeit, dein Kind wirklich kennenzulernen. Das bedeutet, dass verschiedene Situationen betrachtet werden und nicht nur ein kurzer Moment im Gespräch oder ein einzelner Test. Es geht darum, zu verstehen, wie dein Kind in der Schule reagiert, wie es zuhause agiert und welche Bedürfnisse es in sozialen Situationen zeigt. Nur wenn all diese Bereiche zusammenspielen, entsteht ein Bild, das der Realität deines Kindes wirklich entspricht.

Wichtig ist auch, dass die Diagnostik sowohl Begabungsmerkmale als auch mögliche Hinweise auf ADHS berücksichtigt. Viele Kinder mit ADHS erreichen in einzelnen Bereichen hohe Leistungen, während andere Bereiche deutlich herausfordernd sind. Gleichzeitig gibt es hochbegabte Kinder, deren Potenzial durch Unsicherheit, Reizüberflutung oder unstrukturierte Situationen nicht sichtbar wird. Wenn nur eine Seite betrachtet wird, entsteht ein verzerrtes Bild, das dir später nicht weiterhilft.

Besonders bei 2e-Kindern braucht es ein diagnostisches Vorgehen, das beide Bereiche gleichzeitig betrachtet. Diese Kinder zeigen Merkmale der Hochbegabung und gleichzeitig Herausforderungen, die typisch für ADHS sind. Ihre Profile sind komplex und lassen sich nicht mit einfachen Kategorien erfassen. Eine gute Diagnostik erkennt diese Besonderheit und versucht nicht, dein Kind in eine einzige Schublade zu stecken. Stattdessen wird geschaut, wie die Stärken und die Herausforderungen zusammenwirken und wie dein Kind bestmöglich unterstützt werden kann.

Hochbegabung oder ADHS

Wenn du dein Kind im Alltag erlebst, erkennst du viele Facetten, die kein Test und keine kurze Beobachtung vollständig abbilden kann. Vielleicht wirkt es in manchen Situationen weit voraus und in anderen schnell überfordert. Genau diese Mischung führt bei vielen Eltern zu dem Gefühl, zwischen zwei Welten zu stehen und sich immer wieder zu fragen, ob es sich um Hochbegabung oder ADHS handelt. Die Wahrheit ist, dass es bei vielen Kindern nicht nur eine eindeutige Antwort gibt, sondern eine Kombination aus besonderen Stärken und echten Herausforderungen.

Du hast jetzt einen klareren Überblick darüber, wie sich Hochbegabung und ADHS unterscheiden, warum sie sich manchmal ähneln und wie du typische Verhaltensweisen besser einordnen kannst. Vielleicht hast du beim Lesen gemerkt, dass dein Kind Eigenschaften aus beiden Bereichen zeigt. In diesem Fall kann es hilfreich sein, gezielt nach Informationen zu Kindern zu suchen, die sowohl eine hohe Begabung als auch deutliche Aufmerksamkeits- oder Impulskontrollschwierigkeiten haben. Diese Kinder gehören zur Gruppe der zweifach außergewöhnlichen Kinder, also der 2e-Kinder, deren Bedürfnisse oft übersehen werden.

Wichtig ist, dass du deinem Gefühl vertraust und dir Zeit gibst, dein Kind in seiner Gesamtheit zu betrachten. Du kennst sein Denken, seine Fragen, seine Grenzen und seine Reaktionen besser als jeder Test. Wenn du das Gefühl hast, dass Einsichten fehlen oder dass das Bild nicht vollständig ist, darfst du nach weiteren Informationen suchen und Fachleute befragen, die Erfahrung mit besonderen Profilen haben. Dein Kind braucht keine perfekte Schublade, sondern Verständnis, passende Unterstützung und Menschen, die seine Stärken und Herausforderungen sehen.

Wenn du noch genauer verstehen möchtest, wie es zu Fehleinschätzungen kommen kann oder warum manche Kinder besonders schwer einzuordnen sind, findest du auf meinem Blog weitere Artikel mit weiterführenden Informationen, die dich auf deinem Weg unterstützen.

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Wer schreibt hier?

Alexandra Wittke_Porträt

Hey, ich bin Alexandra!

Neurodivers, Mutter von 2 wundervollen 2e-Kindern, Autorin, Mutmacherin und Wegbegleiterin. 

Unser Weg von „unbeschulbar“ hin zu einem Kind, das wieder gern in die Schule geht, ist Teil dieses Blogs. 

Mit ihm und mit meinem Buch „Anders Normal“ möchte ich anderen Eltern Mut machen, sich für ihre Kinder einzusetzen, gezielte Handlungskompetenz vermitteln und konkrete Strategien anbieten, mit denen sie ihre Kinder stärkenorientiert begleiten können. 

Dein Kind ist nicht anders. Es braucht nur eine Umgebung, in der es mit seinen Herausforderungen und Stärken gesehen wird!

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„Anders Normal“ ist das Buch, das ich selbst gerne in unseren schwierigsten Zeiten gehabt hätte! 

Statt reiner Fachliteratur habe ich den Fokus bewusst auf Handlungskompetenz und konkrete Strategien gelegt, mit denen du dein Kind im Familienalltag, in Kita und Schule begleiten kannst.